Kaum ein mittelständisches Unternehmen stellt heute noch grundsätzlich in Frage, ob Künstliche Intelligenz relevant werden kann. Die entscheidende Frage lautet anders: Wo anfangen? Zwischen großen Versprechen, neuen Tools, regulatorischen Anforderungen und begrenzten Ressourcen ist der Einstieg oft schwer. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob aus einer Idee ein tragfähiges Projekt wird – oder ob sie im Tagesgeschäft liegen bleibt.
Dr. Andreas Wierse leitet die SICOS BW GmbH in Stuttgart – und weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, ein Unternehmen mit begrenzten Mitteln durch unbekanntes technologisches Terrain zu steuern. Vierzehn Jahre lang war er selbst Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens, das er gemeinsam mit einem Partner aus einem Spin-off der Universität Stuttgart aufgebaut hatte. Als die Dotcom-Blase platzte, traf es auch ihn: Insolvenz, gerade ein Haus bezogen, ein vierjähriger Sohn. „Deswegen weiß ich auch so gut, was auf der anderen Seite los ist“, sagt er heute.
Als Michael Resch vom HLRS ihn fragte, ob er jemanden kenne, der die Schnittstelle zwischen Forschung und Mittelstand besetzen könnte, brauchte Wierse die Weihnachtstage zum Nachdenken – und erkannte dann, dass er selbst gemeint war. Seit 15 Jahren macht er diese Arbeit. Und an keinem Tag wird es ihm langweilig.
Eine Brücke zwischen Forschung und Mittelstand
SICOS BW wurde 2011 vom Karlsruher Institut für Technologie und der Universität Stuttgart gegründet. Ziel war und ist es, kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zu Simulation, Höchstleistungsrechnen, Data Analytics und KI zu erleichtern. Die Rolle ist dabei bewusst anders als die eines klassischen Beratungsunternehmens: SICOS BW entwickelt keine fertigen KI-Produkte, verkauft keine eigene Software und übernimmt keine Umsetzung im engeren Sinne.
Wierse beschreibt die Aufgabe so: „Wir sind wie ein Trendscout. Wir sind unterwegs, schauen, ob wir Unternehmen finden, die eines der innovativen Technologien brauchen könnten, an denen unsere Forschungspartner arbeiten. „Dann stellen wir die Verbindung zu Forschungspartnern, beispielsweise des KITs oder der Universität Stuttgart her.“
Warum KMU Orientierung brauchen
Für Wierse liegt die zentrale Herausforderung im Mittelstand weniger im fehlenden Interesse als in den Rahmenbedingungen. Wenig Zeit, knappe Ressourcen und oftmals auch fehlendes Know-how machen den Einstieg schwierig. Das ist keine Abwertung, sondern eine Beschreibung struktureller Realität. Kleine und mittlere Unternehmen verfügen meist nicht über eigene KI-Abteilungen, interne Data-Science-Teams oder große Innovationsbudgets. Sie müssen neue Technologien aus dem laufenden Geschäft heraus bewerten. Deshalb braucht es neutrale Orientierung: ein erstes Gespräch ohne Verkaufsdruck, eine nüchterne Einschätzung des Potenzials und die Frage, ob KI, Data Analytics oder Simulation überhaupt der richtige Ansatz für das konkrete Problem sind. Für KMU aus Baden-Württemberg ist diese Unterstützung durch die SICOS BW kostenfrei.
Vor dem Algorithmus kommt die Datenfrage
Der Einstieg in KI beginnt selten mit dem Tool. Häufig steht vorher eine viel grundsätzlichere Frage. Wierse erinnert sich, dass sie ihn seit vielen Jahren und Jahrzehnten begleitet: „Welche Daten soll ich sammeln? Das ist eigentlich immer noch eine relevante Frage.“ Und auch: Welche Daten entstehen ohnehin im Betrieb? Welche werden gespeichert, welche gehen verloren? Welche Prozesse erzeugen Informationen, aus denen sich Muster ableiten lassen? Wer diesen Schritt überspringt, läuft Gefahr, in Technologie zu investieren, bevor das eigentliche Problem verstanden ist. SICOS BW setzt deshalb früh an: In Potenzialanalysen wird gemeinsam mit Unternehmen geprüft, wo datengetriebene Methoden, Simulation oder KI sinnvoll ansetzen können.
Neutral vermitteln statt selbst verkaufen
Ein wichtiger Unterschied zu kommerziellen Angeboten liegt in der Positionierung. SICOS BW versteht sich ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu Dienstleistern – im Gegenteil. Wenn für ein Problem bereits eine marktreife Lösung existiert, ist die Vermittlung dorthin oft der richtige Schritt. Interessant wird SICOS BW vor allem dort, wo ein Thema noch innovativ ist, wo Forschung helfen kann oder wo ein Unternehmen allein nicht weiterkommt. Hier kommt dann das Know-how der SICOS-Gesellschafter KIT und Universität Stuttgart zum Tragen.
Wierse formuliert es so: „Wenn es einfach ist, sind wir raus. Dann gibt es andere, die es besser und dauerhaft umsetzen können.“ Diese Logik schützt auch vor Interessenkonflikten: Was kommerziell etabliert ist, braucht keine öffentlich geförderte Begleitung mehr.
KI wirkt dort, wo sie konkrete Probleme löst
Wie konkret der Nutzen werden kann, zeigen Beispiele aus der Praxis. Bei hydrograv ging es um die Optimierung von Kläranlagen: Durch Simulation und KI-gestützte Steuerung lassen sich bestehende Anlagen so verbessern, dass nicht immer ein kostenintensiver Neubau nötig wird. Ein weiteres Beispiel ist Kärcher, wo geprüft wurde, ob sich Reinigungsdüsen mit KI-Methoden weiter optimieren lassen. Wenn eine Düse bei gleicher Leistung weniger Wasser und Energie benötigt und das Produkt in hohen Stückzahlen verkauft wird, entsteht ein relevanter ökonomischer und ökologischer Hebel. Wierse bringt es auf den Punkt: „Das spart massiv Ressourcen – und dann lohnt sich KI ganz eindeutig.“
Der größte Nutzen entsteht selten dort, wo das größte Schlagwort steht. Er entsteht dort, wo ein reales Problem gut verstanden, mit den richtigen Daten verbunden und durch passende Expertise bearbeitet wird.
Der erste Schritt muss nicht groß sein – aber gezielt
Für Unternehmen lassen sich daraus drei Dinge mitnehmen: Vor jedem KI-Projekt steht die Frage nach der eigenen Datenlage – nicht die Frage nach dem neuesten Tool. Orientierung und Umsetzung sind unterschiedliche Rollen. Und vor allem: in Baden-Württemberg gibt es neutrale Anlaufstellen, die Unternehmen ohne kommerzielles Eigeninteresse beim ersten Schritt unterstützen.
Über Dr. Andreas Wierse
Dr. Andreas Wierse ist seit der Gründung im Jahr 2011 Geschäftsführer der SICOS BW GmbH aus Stuttgart. Das Unternehmen wurde vom Karlsruher Institut für Technologie und der Universität Stuttgart als Brücke zwischen Spitzenforschung und Mittelstand gegründet und berät kleine und mittlere Unternehmen neutral, unabhängig und kostenfrei beim Einstieg in Höchstleistungsrechnen, Simulation, Datenanalyse und künstliche Intelligenz. In 15 Jahren sind daraus mehr als 150 Projekte und Initiativen entstanden. Seit 2014 führt Wierse zusätzlich die hww GmbH, eine Public-Private-Partnership im Höchstleistungsrechnen mit dem Land Baden-Württemberg, dem KIT, Porsche, T-Systems und der Universität Stuttgart als Gesellschaftern. Der promovierte Mathematiker arbeitet seit den 1990er-Jahren an Visualisierung und Virtual Reality, zuletzt als Mitgründer und Geschäftsführer der Visenso GmbH, und ist Mitautor des „Smart Data Analytics Praxishandbuchs
Dr. Andreas Wierse ist seit Juni 2026 Aufsichtsratsmitglied der KI-Allianz Baden-Württemberg eG.