Künstliche Intelligenz ist die Schlüsseltechnologie unserer Zeit – davon sind wir bei der KI-Allianz Baden-Württemberg überzeugt. Doch wie schaffen wir es, dass nicht nur einige Vorreiter, sondern die ganze Breite unserer Wirtschaft davon profitiert?
Dieser Frage widmet sich der folgende Gastbeitrag von Dr. Christoph Ziegler.
Dr. Christoph Ziegler hat mehr als sieben Jahre beim Projektträger Karlsruhe Förderprojekte begutachtet und leitet heute beim DIZ | Digitales Innovationszentrum in Karlsruhe den Bereich Innovationspolitik und FuE-Fördermittelberatung. Er wird in diesem Gastbeitrag aufzeigen, was wir aus der Industriellen Revolution lernen können und warum die wichtigste KI-Investition oft keine Software ist, sondern ein neuer Partner.
KI ist die Schlüsseltechnologie unserer Zeit
KI wird verändern, wie wir arbeiten, forschen und wirtschaften – vermutlich so grundlegend wie einst die Dampfmaschine. Gerade deshalb lohnt sich ein Blick zurück. In der Industriellen Revolution wurde Großbritannien über Jahrzehnte immer produktiver, aber bei den Menschen kam davon lange erstaunlich wenig an. Ökonomen sprechen von der „Engels’ Pause“: der Lücke zwischen technologischem Durchbruch und breitem Nutzen.
In den Jahrzehnten danach jedoch stiegen die Löhne sogar schneller als die Produktivität. Nicht, weil sich die Technik verändert hätte, sondern weil Menschen gehandelt haben: mit Arbeitsschutzgesetzen, mit Gewerkschaften und vor allem mit Bildung. Allein in England entstanden Hunderte Abendschulen für Facharbeiter, organisiert vor Ort und nicht von oben verordnet. Daraus ergibt sich eine ermutigende Botschaft: Was eine Technologie bewirkt, entscheiden wir selbst.
KI ist die Zukunft – und wie gut sie für uns alle wird, haben wir selbst in der Hand.
Dr. Christoph Ziegler, Leiter Innovationspolitik und FuE-Fördermittelberatung, DIZ | Digitales Innovationszentrum
KI – der Stand heute
Die Potenziale sind enorm. Laut einer aktuellen PwC-Studie haben die erfolgreichsten unter den stark KI-geprägten Unternehmen ihren Umsatz pro Beschäftigten seit 2018 mehr als verdoppelt – und auch die Löhne steigen dort deutlich. KI macht Arbeit also wertvoller. Gleichzeitig sehen wir wieder eine Lücke: Die Spitzengruppe zieht dem Durchschnitt davon. Die Frage ist also weniger, ob KI wirkt, sondern wer davon profitiert.
Der Stand in Baden-Württemberg
Die Voraussetzungen sind hervorragend. Fast die Hälfte aller Hidden Champions weltweit kommt aus Deutschland – hochspezialisierte Weltmarktführer, die kaum jemand kennt. Ihr Erfolgsrezept ist Kontinuität: Wer ein solches Unternehmen führt, tut das oft rund zwei Jahrzehnte lang, und man kennt Kunden und Nische besser als irgendjemand sonst. In Umbruchzeiten kann genau diese Beständigkeit aber auch bremsen. Wer lange erfolgreich war, hält gern am Bewährten fest.
Die größte Herausforderung
Der Wettbewerb wird härter. China fördert inzwischen gezielt mehr als zehntausend spezialisierte Unternehmen, die genau in den Nischen angreifen sollen, in denen wir heute noch führen. Wer einfach weitermacht wie bisher, verliert Boden. Die gute Nachricht: Mit KI haben wir ein Werkzeug in der Hand, um unseren Vorsprung neu zu begründen.
Das eigentliche Kapital des Mittelstands ist sein Wissen und seine Daten: jahrzehntelange Erfahrung mit Maschinen, Materialien, Prozessen und Kunden, oft gespeichert in den Köpfen langjähriger Mitarbeiter:innen. KI kann dieses Wissen und diese Daten bewahren, nutzbar machen und skalieren – etwa als digitaler Assistent im Service oder als neues datenbasiertes Angebot. Das ist eine riesige Chance, gerade weil in den nächsten Jahren viele erfahrene Fachkräfte in den Ruhestand gehen.
Nicht zu unterschätzen
KI verändert Aufgaben und Rollen, und das verunsichert. Wer seine Beschäftigten früh einbindet und qualifiziert, macht aus Betroffenen Beteiligte – genau wie damals die Abendschulen. Dazu kommen ganz praktische Fragen: Wie gut sind meine Daten? Wo überlasse ich einem System Entscheidungen und wo nicht? Diese Fragen sollte man offen stellen. Sie sind aber kein Grund zu warten, sondern ein Grund, jetzt anzufangen.
Mit dem Einkauf von Tools allein ist es aber selten getan. Die Kompetenzen, die es braucht – von der Datenarchitektur über die Modellentwicklung bis zur agilen Produktentwicklung –, haben die meisten mittelständischen Unternehmen nicht im Haus. Die wichtigste KI-Investition ist deshalb oft keine Software, sondern ein neuer Partner.
Die Lösung: Partnerschaften
Ein schönes Beispiel für Partnerschaften ist die Kooperation von NEURA Robotics aus Metzingen und Schaeffler. NEURA bringt kognitive Robotik und humanoide Roboter mit, Schaeffler das, was kein Investor der Welt kaufen kann: jahrzehntelange Erfahrung in Präzisionsfertigung und industrieller Skalierung. Schaeffler liefert Schlüsselkomponenten und will die Humanoiden künftig in der eigenen Produktion einsetzen. Das ist keine klassische Zulieferbeziehung, sondern eine Symbiose: Jeder bringt ein, was dem anderen fehlt – und beide wachsen daran.
Die wichtigste KI-Investition ist oft keine Software, sondern ein neuer Partner.
Dr. Christoph Ziegler, Leiter Innovationspolitik und FuE-Fördermittelberatung, DIZ | Digitales Innovationszentrum
Das funktioniert auch für kleinere Unternehmen: Im ZIM-Innovationsnetzwerk „KI im technischen Service“, kurz KIsS, das wir beim DIZ initiiert haben, arbeiten inzwischen mehr als zwanzig Partner gemeinsam an KI-Lösungen für Wartung und Instandhaltung. Start-ups wie SquareNeo Solutions bringen KI-Software ein, das Fraunhofer IAO die wissenschaftliche Fundierung und Industrieunternehmen wie RATIONAL Praxiserfahrung und Marktzugang. Allein wäre jeder dieser Partner zu wenig. Zusammen entstehen Lösungen, die unter echten Bedingungen getestet werden, statt auf Folien zu bleiben.
Gleichzeitig treffen hierbei sehr unterschiedliche Welten aufeinander. Der Mittelstand denkt in Verlässlichkeit und Generationen, das Start-up in Sprints und Finanzierungsrunden, die Forschung in Methoden und Veröffentlichungen. Ohne jemanden, der übersetzt, bleiben Kooperationen oft oberflächlich. Es braucht Brückenbauer, die Interessen sichtbar machen, passende Formate schaffen und Vertrauen aufbauen. Diese Arbeit wird oft unterschätzt, weil sie keine Patente und keine Umsätze erzeugt, sondern Beziehungen – und genau die entscheiden am Ende über den Erfolg.
Gerade Start-ups bringen oft die neuesten KI-Lösungen mit, kommen in der Förderung jedoch leider nicht immer ausreichend zum Zug. Ich habe viele großartige Ideen von Start-ups gesehen, die an einer Formalie scheiterten: Klassische Förderprogramme verlangen einen hohen Eigenanteil, und vorab wird die Bonität geprüft. Wer jung ist und noch keine Gewinne schreibt, fällt da schnell durch. Dabei muss der Eigenanteil nicht zwingend aus der eigenen Kasse kommen – verbindliche Zusagen von Investoren können ihn absichern. Hier wünsche ich mir mehr Mut, die vorhandenen Spielräume zu nutzen.
Sie suchen noch nach einem klar verständlichen Einstieg in das Thema Fördermittel, weil sie zum Beispiel bereits ein KI-Vorhaben planen und die Finanzierung noch unklar ist?
Dann kommen Sie zu unserem KI-Fördermittel-Webinar am 02. November von 13:00 bis 15:00 Uhr.
Sie nehmen am Ende nicht nur Wissen, sondern konkrete nächste Schritte für die Finanzierung Ihres eigenen KI-Vorhabens mit.
Die nächste Pause: Sechs Jahre oder sechs Jahrzehnte?
Anders als im 19. Jahrhundert kennen wir das Muster heute, und mit beruflicher Bildung, Mitbestimmung und starken regionalen Netzwerken haben wir viel bessere Voraussetzungen. Entschieden wird es nicht in Rechenzentren, sondern in Betrieben, Hochschulen, Verwaltungen und Netzwerken. Die Abendschulen von damals waren vor Ort organisiert. Ihre Entsprechung heute sind regionale und resiliente Ökosysteme wie die KI-Allianz Baden-Württemberg, in denen Mittelstand, Start-ups und Wissenschaft zusammenfinden. KI ist die Zukunft – und wie gut sie für uns alle wird, haben wir selbst in der Hand. Das Drehbuch kennen wir. Den zweiten Akt schreiben wir selbst.