Künstliche Intelligenz braucht Daten, Modelle und Kompetenzen. Vor allem aber braucht sie eins: Rechenleistung. Viele Unternehmen denken dabei zuerst an die großen internationalen Cloud-Anbieter. Doch leistungsfähige KI-Infrastruktur gibt es auch in Deutschland – und ein zentraler Standort liegt direkt vor der Haustür: das Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart, kurz HLRS. Ein wichtiger Akteur im Ökosystem drumherum: KI-Allianz Genossenschaftsmitglied SICOS BW.
Souveränität: vom Schlagwort zur echten Abwägung
Noch vor wenigen Jahren war Datensouveränität für viele Unternehmen ein Thema, bei dem man zustimmte – und dann doch zur günstigsten Lösung griff. Dr. Andreas Wierse, Geschäftsführer von SICOS BW, hat diesen Wandel über 15 Jahre aus nächster Nähe beobachtet: „Früher haben alle erstmal genickt, wenn wir über Souveränität gesprochen haben. Und wenn es dann ums Geld ging, war das auf einmal kein Thema mehr.“
Das hat sich geändert. Geopolitische Unsicherheiten, veränderte Abhängigkeiten und nicht zuletzt konkrete Erfahrungen mit Lieferketten und digitaler Infrastruktur haben dafür gesorgt, dass Unternehmen die Frage, wo ihre Daten liegen und wer darauf zugreifen kann, heute anders stellen. Nicht als Grundsatzdebatte – sondern als operative Entscheidung.
Wenn wir heute darüber sprechen, dass die Daten hier in Stuttgart liegen und man weiß, mit wem man es zu tun hat, merken wir: Das ist den Unternehmen inzwischen deutlich wichtiger geworden.
Dr. Andreas Wierse, SICOS BW
Souveränität ist dabei selten der erste Auslöser für ein KI-Projekt. Sie wird aber zum entscheidenden Faktor, sobald es um Umsetzung und langfristige Planung geht – gemeinsam mit Datenschutz, Compliance, Kosten und der Frage nach Anbieterabhängigkeit.
Was in Stuttgart tatsächlich verfügbar ist
Für Unternehmen ist diese Infrastruktur allerdings nicht selbsterklärend. Der Grund liegt in der Natur der Anlage: Das HLRS unterliegt als öffentliches Höchstleistungsrechenzentrum klaren rechtlichen Rahmenbedingungen – unter anderem im Bereich Exportkontrolle. Die Universität Stuttgart trägt die Verantwortung dafür, dass diese Bestimmungen eingehalten werden. Das bedeutet: Wer auf dem System rechnen möchte, muss sich identifizieren, einen Vertrag abschließen und die Nutzungsbedingungen akzeptieren. Aufwändiger als ein Klick – aber auch: volle Transparenz darüber, wer zugreifen darf und wer nicht.
Infrastruktur braucht Vermittlung
Hochleistungsrechnen, Datenanalyse und KI wachsen zunehmend zusammen. Für Wierse ist der Übergang dabei fließend: „Es gibt ein Kontinuum: Es beginnt bei Statistik und führt über Data Analytics und maschinelles Lernen bis hin zu Künstlicher Intelligenz. Der Übergang ist nicht scharf abgegrenzt.“
Für Unternehmen ist das eine wichtige Einordnung. Nicht jedes KI-Projekt beginnt mit einem großen Sprachmodell. Oft geht es zunächst darum, vorhandene Daten besser zu verstehen, Prozesse zu analysieren oder Simulationen zu beschleunigen. Genau hier setzt die Arbeit von SICOS BW an: nicht als Technologieanbieter, sondern als neutrale Vermittlerin – zwischen Mittelstand, Forschung und Infrastruktur.
Diese Vermittlungsarbeit endet nicht an der Landesgrenze. SICOS BW ist in europäischen Verbänden aktiv – darunter die European Technology Platform for HPC und die Big Data Value Association – und bringt dort die Perspektive kleiner und mittlerer Unternehmen ein. Wierse wirkt als Mitautor an Whitepapers mit, die der EU als Grundlage für politische Entscheidungen im Bereich Hochleistungsrechnen und KI dienen. Was im Tagesgeschäft wie Netzwerkarbeit aussieht, hat damit eine konkrete strategische Funktion: Wer an den Rahmenbedingungen mitschreibt, gestaltet mit, unter welchen Bedingungen KI-Infrastruktur in Europa künftig verfügbar sein wird.
Stuttgart baut weiter
Mit HammerHAI entsteht am HLRS eine neue Ausbaustufe: Die erste deutsche KI-Fabrik im Rahmen des europäischen EuroHPC-Programms, seit April 2025 in Betrieb. Ziel ist es, die Hürden für Start-ups, KMU, Forschung und öffentliche Einrichtungen weiter zu senken. SICOS BW ist einer der strategischen Konsortialpartner.
Der Anspruch dahinter ist derselbe, der SICOS BW seit 15 Jahren antreibt: Orientierung schaffen, Zugänge erleichtern, Bedarfe aus der Wirtschaft mit passender Infrastruktur und Expertise verbinden. Denn leistungsfähige KI-Infrastruktur vor Ort nützt nur dann, wenn Unternehmen auch wissen, wie sie sie nutzen können – und warum es sich lohnt.
Über Dr. Andreas Wierse
Dr. Andreas Wierse ist seit der Gründung im Jahr 2011 Geschäftsführer der Sicos BW GmbH aus Stuttgart. Das Unternehmen wurde vom Karlsruher Institut für Technologie und der Universität Stuttgart als Brücke zwischen Spitzenforschung und Mittelstand gegründet und berät kleine und mittlere Unternehmen neutral, unabhängig und kostenfrei beim Einstieg in Höchstleistungsrechnen, Simulation, Datenanalyse und künstliche Intelligenz. In 15 Jahren sind daraus mehr als 150 Projekte und Initiativen entstanden. Seit 2014 führt Wierse zusätzlich die hww GmbH, eine Public-Private-Partnership im Höchstleistungsrechnen mit dem Land Baden-Württemberg, Porsche und T-Systems als Gesellschaftern. Der promovierte Mathematiker arbeitet seit den 1990er-Jahren an Visualisierung und Virtual Reality, zuletzt als Mitgründer und Geschäftsführer der Visenso GmbH, und ist Mitautor des „Smart Data Analytics Praxishandbuchs
Dr. Andreas Wierse ist seit Juni 2026 Aufsichtsratsmitglied der KI-Allianz Baden-Württemberg eG.